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Park

Selnaustrasse . Zuürich

Park . Selnaustrasse . Zürich (1)

Park Architekten . photos: © Dominique Marc Wehrli

Ferdinand Stadlers Geschäftshaus von 1861, heute in der städtebaulich sensiblen und denkmalgeschützten Kernzone von Zürich, wird saniert und um rund einen Drittel der Gebäudemasse erweitert. Aus dem Bestand etablieren wir typologische, räumliche, konstruktive und ästhetische Merkmale. Mit deren Sprache entwickeln wir eine neue, heutige Logik der Addition. In produktiver Ambivalenz zwischen Fortführen und Zufügen entsteht ein Widerstreit zwischen Ganzem und der Addition einzelner Teile. Modern daran ist nicht die Sprache der Elemente, sondern die Haltung der Zusammenarbeit. Es entsteht eine generationenübergreifende, doppelte Autorenschaft.
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Zürich, geprägt durch eine dynamische Entwicklung, ist mit seiner hohen Lebensqualität attraktiver Wohnort für eine gut durchmischte Bevölkerung. Für ein urbanes Publikum mittleren Alters wird zunehmend die Kernstadt, zentral gelegen und mit städtischem Flair, zum bevorzugten Wohngebiet. Wie kann innerhalb historisch wertvoller Bausubstanz der Kernzone ein bestehendes Geschäftshaus in Wohnnutzung überführt werden? Ist es möglich, durch die Erweiterung der bestehenden Bausubstanz eine historische Anbindung und zugleich für den Mittelstand erschwingliches Wohnen zu realisieren?

Die Neuinterpretation des Gebäudes mit Aufstockung ermöglicht, die bestehenden Strukturen zu verdichten und die Ausnutzung zu erhöhen. Neu bietet das Gebäude eine Hauptnutzfläche von 1’440 m² und eine Geschossfläche von 2’000 m², gegenüber HNF 815 m² und GF 1’000 des Bestandes. Das Volumen hat sich entsprechend von 3’500 m³ auf 6’800 m³ erhöht. Bei einer Bausumme von CHF 4.5 Mio. kostet die entstehende Wohnnutzfläche CHF 3’125.-, der Rauminhalt CHF 600.-. Die Zahlen zeigen, dass mit einer stadtverträglichen Vergrösserung des Baukörpers zu einem wirtschaftlichen Preis zusätzlich 625 m² Wohnfläche, also 5 neue Wohnungen erstellt werden konnten.

In Zürichs schutzwürdiger Kernzone verbindet der Entwurf die Logik des 1861 entstandenen Bürobaus von F. Stadler mit den täglichen Bedürfnissen urbanen Wohn- und Lebenswelten. Der architektonisch-konstruktive Entwurf zielt nicht auf Kontrastierung. In verschiedensten Bereichen wird das Gegenteil vielmehr im Sinne einer produktiven Ambivalenz als mögliche Haltung eingeschlossen. So folgen die neuen Öffnungen mit leichten Verschiebungen den Fensterachsen, die neuen Innenwände liegen deckungsgleich über den bestehenden und lösen sich nach oben zunehmend auf. Mit der Farbgebung über Eck postuliert das alt-neue Haus letztlich die gleichzeitige Richtigkeit von Widersprüchlichem auch im Stadtraum. Die Teilung der Fassaden in wechselweise weisse und braune Felder markiert die ehemalige Traufe und die Volumenmitte, thematisiert nochmals die Ecke des städtischen Blockrandes sowie die Aufstockung.

Folgt man der Definition nachhaltiger Entwicklung, die die Befriedigung der Bedürfnisse zukünftigen Generationen wie heutigen Akteuren gleichermassen zusichert (Brundtland Komission 1987), besteht im Umgang mit bestehender Bausubstanz die Chance nachhaltiges Handeln historisch zu verankern. Die Möglichkeit der Weiternutzung verweist auf vergangenes nachhaltiges Handeln und zwingt uns, ähnliches genauso zu gewährleisten. Trotz des kleinen Massstabs und der begrenzten Reichweite manifestiert die Aufstockung den aktiven und respektvollen Umgang mit dem Bestand im Stadtraum. Mit der Lage im Geschäftsviertel setzt das neue Wohnhaus zudem ein Zeichen für eine zukünftige Durchmischung. Nicht zufälligerweise engagieren sich viele der neuen Eigentümer für gesellschaftliche Relevanz gestalterischen Handelns.

Die Kombination von Weiternutzung bestehender Bruchsteinmauern (Recycling) und Aufstockung in Holzbauweise zeigt die Bandbreite ökologischer Bauweise. Nicht nur Neues kann ökologisch gebaut werden. Zuerst stellt sich auch mit wirtschaftlichen Überlegungen die Frage, was kann erhalten bleiben. Die weitere Benutzung von bestehenden Materialien spart nicht nur deren Produktion, sondern auch den Transport und die Verarbeitung vor Ort. Viele Teile des Hauses sind damit im eigentlichen Wortsinn vorfabriziert, durch die Situation gegeben. Die enge Situation (Grundstück = Gebäude) und die geringe Belastbarkeit der Fundamente bedingte zum einen eine schnelle Erstellung in Holzbauweise. Zum andern war eine Parkierung von motorisiertem Individualverkehr ausgeschlossen, eine vielleicht immer selbstverständlichere Situation.

Mit der Aufstockung verfügt das Gebäude um rund einen Drittel mehr Nutzfläche bei gleich bleibendem Landanteil. Die innere Verdichtung der Stadt bildet in vielen Beispielen eine verträgliche, sinnvolle und gleichzeitig wirtschaftlich attraktive Alternative zur weiteren Erschliessung von Bauland. Dank der Beschränkung auf wesentliche Wohnqualitäten und dem Erhalt bestehender Bausubstand entstehen sieben begehrte Stadtwohnungen und zwei attraktive Geschäftsräume im Erdgeschoss. Die Aufwertung der Liegenschaft und damit auch der näheren Umgebung bildet die Grundlage für eine nachhaltige Wertschöpfung. Wobei die Nähe zum Stadtzentrum und die Mikrolage wesentlich zur Minimierung der Risiken beitragen. Vernünftige Wohnungsgrössen, einfache Haustechnik, ein systematisches Tragwerk und eine langlebige Materialisierung runden die nachhaltige Investition ab.

Der Entwurf gründet auf einer eingehenden Analyse der städtebaulichen Situation und des Gebäudes von 1861. Ausserhalb des Schanzengrabens gelegen ist das nach klassizistischen Ordnungsprinzipen gestaltete Eckvolumen Teil des städtebaulichen Ensembles um das ehemalige Bezirksgericht. Diese bestehenden Parameter werden respektiert und weiterentwickelt. Durch die Aufstockung wird die Ecke betont und das spezifische Gewicht des Gebäudes im Stadtraum erhöht. In leicht freier Anordnung wird die Fassade interpretiert. Die gleiche ästhetische Haltung findet sich in der obersten Schicht des Gebäudes. Während auf der linken Seite der Farbwechsel die ehemalige Lage der Traufe nachzeichnet, zeigt er rechts die geometrische Mitte des Volumens. Die Farbgebung thematisiert somit Ecksituation, Alt-Neu, Aufstockung, Gebäudeproportion und durch die wechselweise Anordnung auch die Wirkung der Perspektive im Stadttraum.

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